Aalener Bachzyklus 2018

"Weihnachtsoratorium" in der Stadtkirche

 (AK) Heuer hatten Freunde geistlicher Musik gleich zweimal die Gelegenheit dieser zu lauschen, bei Händels "Messiah", gesungen vom Aalener Konzertchor, und bei Bachs "Weihnachtsoratorium" in der Stadtkirche. Angemerkt werden darf, solch geistliche Werke werden immer häufiger als „reine Musik“ verstanden; nicht selten wird deshalb dem engen Gefüge von Text und Musik zu wenig Rechnung getragen. Auch wenn, wie beim „Messiah“ die Botschaft des biblischen Textes zum besseren Verständnis der Musik Händels notwendig ist. Im Gegensatz zu Bachs "Weihnachtsoratorium" handelt es sich beim "Messiah" tatsächlich um ein Oratorium, dessen erster Teil die Weihnachtsgeschichte mit beinhaltet, aber keine durchgehende Handlung besitzt. Demgegenüber erzählt Bach zwar geradlinig die Weihnachtsgeschichte, musikalisch entwickelt sich indes kein in sich geschlossenes Oratorium. Bachs überragender Erfolg beruht auf sechs Kantaten, die in den Gottesdiensten von Weihnacht bis Heilig Drei König aufgeführt wurden, heute meist in gekürzter Version.

Samstagabend vor der Stadtkirche. Während sich die benachbarten Kneipen mit Partygängern füllen, harren in der Kirche die Besucher auf gänzlich andere Momente. Vor allem auf jenen Augenblick, in dem Kirchenmusikdirektor Thomas Haller den Dirigentenstab zum Auftakt zu Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" hebt. Eine feierliche Musik, die, so ist zu vermuten, den Konzertbesuchern wohl vertraut sein dürfte, schließlich ist es Teil des kulturellen Erbes, weshalb das "Weihnachtsoratorium" zurecht alle Jahre wieder nicht nur der konzertante Höhepunkt kurz vor Heilig Abend ist.

In die Kirche gehen, um den Pauken und Trompeten, dem Chor, den Gesangssolisten und dem Orchester beim die Weihnachtstage preisenden Jauchzen und Frohlocken zu lauschen. Schöner als mit dieser so himmlisch irdischen Musik lassen sich die Weihnachtsfeiertage kaum angehen.

Die universelle Sprache der Musik

Allerdings, was zu Bachs Zeiten noch über drei Weinachtstage verteilt und durch Predigten liturgisch erweitert worden war, zeigt sich heuer als überaus kurzweiliges wie farbiges Kirchenkonzert, dessen christliches Zeugnis fundamental und unverzichtbar ist. Keine Verweltlichung, kein konzertantes L'art pour l'art , denn Bachs „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248) mit seinen sechs Kantaten gehört ebenso zum unumstößlichen religiösen Fundus des Weihnachtsfestes wie Christstollen und Springerle zum kulinarischen.

In seiner Bedeutung war das Oratorium einst denn auch ansehnlicher Teil der Predigt. Und so beziehen sich allen Kantaten auf das Evangelium des jeweiligen Festtages, wobei ein Teil vor der Predigt, der andere danach gesungen wurde. Und damit die Gläubigen die christliche Botschaft auch verstanden, wurde sie begleitend in die universelle Sprache der Musik übersetzt.

Angemerkt werden darf, in der Vergangenheit waren sich die Kirchenbesucher des Inhalts der Weihnachtsgeschichte bewusst und die von Bach gezeichneten musikalischen Bilder des Oratoriums wurden entsprechend verstanden. Noch eine kleine Ergänzung: Dem ersten Oratoriumskonzert vor rund 300 Jahren wollten mindestens ebenso viele Zuhörer beiwohnen wie heuer. Entsprechend proppenvoll war(en)  die Kirche(n).

Auch wenn sich die Welt seit den 1734er Jahren, als das Oratorium erstmals erklang, grundlegend verändert hat, haben in einer säkularisierten Welt Pauken und Trompeten nichts an feierlicher Eindringlichkeit verloren. Bach setzt sie ganz bewusst einleitend ein, um die Aufforderung des Chores zu unterstreichen: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“

Erst acht Jahre alt und bereits gute Aalener Tradition

Eine bemerkenswerte wie gedankenvolle Musik folgt, bei der sich Christine Eber mit klarem hohem Sopran, Kathrin Koch mit schönem Alt und Andreas Beinhauer - der Aalener Bariton ist zum zweiten Male mit von der Partie - mit angenehmen Bass in Rezitativen und Arien dem Geschehen um Christi Geburt zuwenden, während Tenor Philipp Nicklaus als Evangelist die Rolle des Erzählers übernimmt. Übrigens ein weiteres Unterscheidungsmerkmal zum "Messiah". Bach setzt in seiner Passion ganz bewusst auf die Verkörperung dramatischer Personen, während bei Händel über die Musik kontemplative Gefühle erreicht werden sollen. Stimmlich unterstützt wird Bachs populärstes Chorwerk überdies von der Aalener Kantorei, der Jugendkantorei sowie der Mädchen- und Knabenkantorei (Thomas Haller). Erstmals hinzu kommen in diesem Jahr die Schulchöre des Schubart-Gymnasiums (Astrid Borgmeier) und der Konrad-Biesalski-Schule Wört (Jochen Zeuner).

Das Orchester erhält Beistand von Solo-Violonistin Monika Böhm sowie vom Trompetenensemble Johann Konnerth, Maximilian Sutter und Timo Gneipelt (Trompetenensemble). Die Gesamtleitung liegt in den Händen von Kirchenmusikdirektor Thomas Haller, der die alljährliche Oratoriums-Aufführung vor acht Jahren ins Leben rief.

Ein bedeutungsvolles musikalisches Spiel mit Höhen und Tiefen, mit Rezitativen und Arien. Dank klarer Artikulation der Sänger, aber auch weil die Besucher den Text in gedruckter Form in der Hand halten, lässt sich im Verlauf des Oratoriums die Entwicklung der Weihnachtsgeschichte gut verständlich nachvollziehen, auch weil Bach in allen drei Kantaten inhaltlich direkt auf die bekannten Texte des Evangeliums zurückgreift.

Oratorium belegt Bachs Kunstfertigkeit

Mit ein Grund, warum ausdrücklich in altbekannter Weise interpretiert und kommentiert wird, wobei die Musik immer wieder akzentuiert, um die eigentliche Botschaft emotional verstärkt zu vermitteln. Im Gegensatz zu den Vorjahren wählt Thomas Haller in diesem Jahr statt der vierten die dritten Kantate, die selbstredend mit Pauken und Trompeten beginnt und die Chöre den "Herrscher des Himmels" besingen.

Die Laienchöre leisten dabei gemeinsam mit den vier Profi-Sängern Vortreffliches, gerade weil es ihnen gelingt, den wegen der barocken Sprache durchaus nicht immer leicht verständlichen Text, so eindeutig zu Gehör zu bringen. Schönes Beispiel: Andreas Beinhauers  Arie "Großer Herr, o starker König, liebster Heiland, o wie wenig achtest du der Erden Pracht!"

Zuträglich hoben sich jene Choräle hervor, die in ihrer Melodieführung an altvertraute weihnachtliche Weisen erinnern ("Wie soll ich dich empfangen und wie begegn´ ich dir?"). Eine Bachsche Kunstfertigkeit, vergleichbar dem einzigen reinen Instrumentalsatz des Oratoriums, der „Sinfonia“, die mit Oboen und Flöten pastoral elegische Hirtenmusik intoniert. Sicherlich mit einer der Gründe, warum das Oratorium als gute Tradition alle Jahre wieder in der Weihnachtzeit erklingt.

 

 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Aalener Kulturjournal