Weihnachtsoratorium in der Aalener Stadtkirche

    „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“ 

(vS) Samstagabend vor der Stadtkirche. Während sich die benachbarten Kneipen mit Partygängern füllen, warten in der Kirche die Besucher auf einen ganz besonderen Moment. Auf den Augenblick, in dem Kirchenmusikdirektor Thomas Haller den Dirigentenstab zum Auftakt zu Johann Sebastian Bachs "Weihnachtsoratorium" hebt. Eine feierliche Musik,  die, so ist zu vermuten, den Konzertbesuchern wohl vertraut ist, schließlich ist sie Teil des kulturellen Erbes, weshalb das "Weihnachtsoratorium" zurecht alle Jahre wieder nicht nur der konzertante Höhepunkt kurz vor Heilig Abend ist.

In die Kirche gehen, um den Pauken und Trompeten, dem Chor, den Gesangssolisten und dem Orchester beim die Weihnachtstage preisenden Jauchzen und Frohlocken zu lauschen. Schöner als mit dieser himmlischen wie irdischen Musik lassen sich die Weihnachtsfeiertage kaum angehen.

Allerdings, was zu Bachs Zeiten noch über drei Weinachtstage verteilt und durch Predigten liturgisch erweitert worden war, zeigt sich heuer als überaus kurzweiliges und farbiges Kirchenkonzert dessen christliches Zeugnis fundamental und unverzichtbar ist. Keine Verweltlichung, kein konzertantes L'art pour l'art , denn Bachs „Weihnachtsoratorium“ (BWV 248) mit den drei bekannten Kantaten gehört ebenso zum unumstößlichen religiösen Fundus des Weihnachtsfestes wie Christstollen und Springerle zum kulinarischen. 

Die universelle Sprache der Musik

In seiner Bedeutung war das Oratorium einst denn auch bedeutender Teil der Predigt. Und so beziehen sich allen Kantaten auf das Evangelium des jeweiligen Festtages, wobei ein Teil vor der Predigt, der andere danach gesungen wurde. Und damit die Gläubigen  die christliche Botschaft auch verstanden, wurde sie begleitend in die universelle Sprache der Musik übersetzt.

Allerdings darf angemerkt werden, in der Vergangenheit waren sich die Kirchenbesucher des 

Inhalts der Weihnachtsgeschichte bewusst und die von Bach gezeichneten musikalischen Bilder des Oratoriums wurden verstanden. Noch eine kleine Anmerkung: Dem ersten Oratoriumskonzert vor rund 300 Jahren wollten mindestens ebenso viele Zuhörer beiwohnen wie heuer. Entsprechend proppenvoll war(en)  die Kirche(n).

Auch wenn sich die Welt seit den 1734er Jahren, als das Oratorium erstmals erklang, grundlegend verändert hat, haben in einer säkularisierten Welt Pauken und Trompeten nichts an feierlicher Eindringlichkeit verloren. Bach setzt sie ganz bewusst einleitend ein, um die Aufforderung des Chores zu unterstreichen: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage!“ 

Eine noch junge, aber gute Aalener Tradition  

Eine bemerkenswerte wie gedankenvolle Musik folgt, bei der sich Patricia Grasse mit klarem hohem Sopran, Katrin Koch mit schönem Alt und Andreas Beinhauer - der Aalener Bariton ist erstmals mit von der Partie - mit angenehmen Bass  in Rezitativen und Arien dem Geschehen um Christi Geburt zuwenden, während Tenor Philipp Nicklaus als Evangelist die Rolle des Erzählers übernimmt. Stimmlich unterstützt wird Bachs populärstes Chorwerk überdies von der Aalener Kantorei, der Jugendkantorei sowie der Mädchen- und Knabenkantorei. Das Orchester erhält seit Beistand vom Trompetenensemble Konnerth und von Solo-Violonistin Monika Böhm. 

 

Die Gesamtleitung liegt in den Händen von Kirchenmusikdirektor Thomas Haller, der die alljährliche Oratoriums-Aufführung vor sieben Jahren ins Leben rief.

Ein bedeutungsvolles musikalisches Spiel mit Höhen und Tiefen, mit Rezitativen und Arien. Dank klarer Artikulation der Sänger, aber auch weil die Besucher den Text in gedruckter Form in der Hand halten, lässt sich im Verlauf des Oratoriums die Entwicklung der Weihnachtsgeschichte gut verständlich nachvollziehen, auch weil Bach in allen drei Kantaten inhaltlich direkt auf die bekannten Texte des Evangeliums zurückgreift.

Oratorium belegt Bachs Kunstfertigkeit

Mit ein Grund, warum ausdrücklich in altbekannter Weise interpretiert und kommentiert wird, wobei die Musik immer wieder akzentuiert, um die eigentliche Botschaft emotional verstärkt zu vermitteln. Im Gegensatz zu den Vorjahren wählt Thomas Haller in diesem Jahr statt der dritten die vierte Kantate, die selbstredend mit Pauken und Trompeten beginnt, aber den Einzug der Heiligen Drei Könige thematisiert und der Chor das wohlbekannte "Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesulein, mein Leben; / Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben." singt.

In diesem Sinne leisten die Laienchöre gemeinsam mit den vier Profi-Sängern Vortreffliches, gerade weil es ihnen gelingt, den wegen der barocken Sprache durchaus nicht immer leicht verständlichen Text, so eindeutig zu Gehör zu bringen. 

Schönes Beispiel: Katrin Kochs von einem Violinsolo begleitete Arie "Schlaf, mein Liebester, genieße der Ruh, wache nach diesem vor aller Gedeihen!" Eine weitere auffallende Eigenart des Werkes: Die Choräle der drei Kantaten lassen immer wieder vermuten, dass die erklingenden Melodien eigentlich zu anderen weihnachtlichen Weisen gehören. Hierin spiegelt sich - wie übrigens auch in seiner „Sinfonia“ nach der ersten Kantate - dem einzigen reinen Instrumentalsatz im „Weihnachtsoratorium“ - die besondere Kunstfertigkeit Bachs, der überdies mit Oboen und Flöten pastoral, fast elegisch klingende Hirtenmusik intoniert. Das gibt dem Oratorium seine unverbrüchliche Berechtigung, als gute Tradition alle Jahre in der Weihnachtzeit zu erklingen.

 

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Aalener Kulturjournal