Werner Koczwara bei der Kulturinitiative Schloss-Scheune Essingen

  "Für eine Handvoll Trollinger"

(AK) Als unbestrittener Pointenmeister reist Werner Koczwara seit drei Jahrzehnten durch die Republik. Sein Auftrag: Schwäbische Kultur unter Land und Leute bringen. Was darunter zu verstehen ist, stellte Koczwara höchstpersönlich bei jedem seiner Auftritte klar klar, auch wenn ab und an etwas versteckt. Wobei erwähnt werden muss, seine unverkennbar schwäbische Mundart beziehungsweise sein luftig locker eingestreutes Honoratiorendeutsch klingt zwar zunächst recht harmlos wie auch sein nachsichtiges Fabulieren über Gott und die

Welt. Was seiner Bedeutung als Protagonist des juristischen Kabaretts, der intelligenten Komik und des Schwarzen Humors geschuldet ist. Eine Verpflichtung,  teils höchst komplexe Sachverhalte in einfacher Sprache in schwäbische Alltagskultur herunterzubrechen, um sie bei Bedarf mit um so ernsterer Miene breitzutreten.

Die Essinger Schlossscheune proppenvoll, die Stimmung gut, die Erwartungen hoch, auch wenn heuer statt des üblichen La Croix belle ein trockener wie württembergischer Trollinger ausgeschenkt wird. Werner Koczwara bietet gleich eine ganze "Handvoll Trollinger" an.

Und wie bei all seinen Auftritten in der Vergangenheit - in guter Erinnerung sind noch  „Am achten Tag schuf Gott den Rechtsanwalt“ und „Einer flog über’s Ordnungsamt“ - geht´s erneut urkomisch - Koczwara würde sicherlich von saukomisch reden - zu. Doch es geht nicht um den gleichnamigen Wein, sondern um Koczwaras Rolle eines entspannt plaudernden Chronisten, der sein abgelegenes Heimatdorf Trollingen samt darin wohnender Trollingern ins Visier nimmt. Was durchaus bereits als Vorwarnung zu verstehen ist. Denn Schwaben gibt’s schließlich allerorten! Mag das Dorf heißen, wie es will. Und in allen schwäbischen Gaststuben treiben diese großen Themen bekanntermaßen die Stammtische um: Von den Kindheitserfahrungen in der Nachkriegszeit bis hin zur aktuellen Flüchtlingskrise.

Von Contschita Wurschd, verrissenen Hosen und mehr  

Koczwara serviert sie mit dem Zungenschlag der Gemütlichkeit, aber zugleich mit einem, der Hintersinn und Pointen auf Lager hat. Die Folge für die Zuhörerschaft: dauerrinnende Lachtränen.

Alles was derzeit Land und Leute bewegt, findet sich in den Lebenserinnerungen Koczwaras und in Trollingen wieder. Darunter merkwürdige Dörfler, die in ihrer Skurrilität bereits in der1950er Jahren ihrer Zeit weit voraus waren. Beispiel: Klein-Koczwara  musste Buben- wie Mädchenkleidung tragen. Nicht des Gender-Mainstreams wegen, sondern da seine Kinderkleidung auf der gleichen Wäscheleine wie die der Nachbarstochter hing und deshalb öfters verwechselt wurde. Ein Bub in Mädchenkleidung, da gerät doch die sexuelle Identität ins Wanken: "I war die Contschita Wurschd von Trollinge!"

Und er war zeitbedingt ein Konsumverweigerer, der schon damals „verrissene“ Hosen trug. Heute stylish vom Besten! Ganz nebenbei: Dass die Dorfkinder verschrumpeltes Obst und Gemüse vom Acker vorgesetzt bekamen, war damals dem klammem Geldbeutel geschuldet. Heute essen so etwas hippe Vorzeigeveganer. "Mer san do nur arm Säue gwesa!"

Mit der Moderne kam schließlich die Strukturhilfe ins Dorf: Ein Krematorium, dessen Abwärme die Öfen der Bäckerei heizte, eine Erlebnisgastronomie mit Dinner im Dunklen und manch anderes. Damals wie heute stellen sich Dorfbürgermeister so den Fortschritt vor. Das macht das Dorf zur Stadt!. Selbst Atomkraftwerke, Großflughäfen und unterirdische Hauptbahnhöfen stehen auf der Wunschliste. Nun ja, honi soit qui mal y pense! Oder: Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt.

 

Koczwaras Brandner Kasper

Thema Sex und Tod. Beide lauern überall. Bei Ersterem geht es krude hin zur Aufklärung. Nähere Erläuterungen unterbleiben hier besser. Beim anderen kommt der Gevatter als Zecher auf die Bühne. Besoffen aus Frust, weil er in seinem Beruf keine Erfüllung findet, geschweige denn auf positiven Zuspruch stößt. Das erinnert  ein wenig an Franz von Kobells "Brandner  Kaspar".. Bei Koczwara rauscht der sternhagelvolle Tod mit dem Kabarettisten per Fahrstuhl in die Hölle, wo sich der Teufel mit EU-Kommissaren herumstreitet, sich über verlotterten Infrastruktur und Bauwerkschäden ärgert. Doch alles entpuppt sich glücklicherweise als harmloses Nahtoderlebnis, weshalb das

Programm wie geplant fortgesetzt werden kann.

Flüchtlinge kommen nach Trollingen. Sie gilt es schnell zu integrieren. Auf schwäbische Art versteht sich, will heißen, als oberste Regel für ein geordnetes Zusammenlebens gilt: „Wenn´s sich bwegd, grüßa, wenn´s sich ned bwegd, budzen!" So einfach kann´s gehen. Doch selbst unter den Trollingern gibt es anders geartete. Wie den Dorfpoeten Stadelheimer, der in seinem Willkommenskulturangebot ein skurriles Kasperletheater hat, dessen zeitgenössisches Aufführungsformat  in einem großen Fiasko endet, in dessen Folge er und vier seiner Mitstreiter in der Klapsmühle landen.

Koczwara bewies mit "Für eine Handvoll Trollinger einmal mehr, Koczwara kann man nicht wiedergeben, man muss ihn sehen, hören, erleben. Davon konnten die Besucher der Schlossscheune übrigens nicht genug bekommen. Zwei Nachschläge hatte der Gmünder Kabarettist zuliefern. Beim dritten musste er zugeben: "I han nix mehr". Doch Koczwara wäre nicht Koczwara, fiele ihm nicht im allerletzten Moment doch noch etwas ein. An diesem Abend  sein legendäres Lied gegen das Ordnungsamt "Gebt mir Biber". Ein vielversprechender  Ausblick auf das brandneue Programm: "Am Tag, als ein Grenzstein verrückt wurde."

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Aalener Kulturjournal