Auftakt zu "wortgewaltig" mit Liedermacher Erich Schmeckenbecher

Der Vogel Sehnsucht

Auch wenn der Maler Ernst Barlach über seinen "Die gute Zeit"-Zyklus urteilt - "Die Zeiten sind in uns und nicht wir in ihnen" - darf man sicher feststellen, sie verändern sich denn doch.  Zumindest  äußerlich. Gewiss eine Nebensache, doch bei Erich Schmeckenbecher eine auffallende. In den 1970er Jahren trug er noch Haupthaar und schwarzen Bart, bei seinem Auftritt in der Aalener Stadthalle war ersteres sehr licht, das  Zweitgenannte musste einem spärlichen Musketierbart weichen. So sind eben die Zeiten auch! Geblieben ist aber die Stimme. Unverkennbar "Zupfgeigenhansel", die seit dem politischen Sommer der 1970er Jahre als Barden mit nachdenklichen wie hintersinnigen Liedern unterwegs waren. Übrigens auch in Aalen, erinnert sich doch Schmeckenbecher an die damals noch nicht renovierte Stadthalle. Das müsse vor drei Jahrzehnten gewesen sein, überlegt er.

Jetzt sitzt er alleine auf der Bühne, um für die Reihe "wortgewaltig"  ebensolche Lieder zum Besten zu geben. Doch es wird keine Historienmalerei Zupfhanselscher Liedsammlung, vielmehr widmet sich Erich Schmeckenbecher  poetisch Hintersinnigem. Keine Schubartiaden, kein "garstig Lied! Pfui! ein politisch Lied!", wie Goethe seinen Faust in Auerbachs Keller schimpfen lässt.

Zu Schubart falle ihm wenig ein, sinniert der Lorcher Liedermacher und gesellt sich in den Reigen all jener, die in den zurückliegenden Jahren von "Aalens größtem Sohn" zwar und vielleicht schon etwas gehört, doch den Literaten, Musiker und Rebellen nie richtig wahrgenommen haben. Dabei wäre dem unter der Überschrift "Der Vogel Sehnsucht" stehendem Abend  beispielsweise Schubarts "Forelle" mit allen Strophen gut zu Gesicht gestanden.  Oder  Schmeckenbechers altes Lied "Ich bin Soldat", in dem das Los der Wehrpflichtigen im deutsch-französischen Krieg des 19. Jahrhunderts besungen wird. In den 1970er Jahren sorgte es für einen Aufschrei wegen Defätismus und Wehrkraftzersetzung. "Ich bin Soldat, doch bin ich es nicht gerne, / als ich es ward, hat man mich nicht gefragt./ Man riss mich fort, hinein in die Kaserne / gefangen ward ich, wie ein Wild gejagt." Hier ist die direkte Verbindung zu Schubart, den sein Herzog  unter anderem deshalb einsperren ließ, weil Schubart in seiner "Deutschen Chronik" den Verkauf von "Landeskindern" als Söldner in fremde Armeen anprangerte.

Schubarts Sehnsucht nach Freiheit, wie in der "Forelle" beschrieben, findet sich indes in den aktuellen Liedern von Erich Schmeckenbecher wieder. Ein immerwährender Traum von Freiheit, Demokratie, Toleranz und Mitmenschlichkeit. Im übertragenen Sinne empfunden wie in Joseph von Eichendorffs "Nacht" in der es so empfindsam "Wie schön, hier zu verträumen / Die Nacht im stillen Wald, / Wenn in den dunklen Bäumen/ Das alte Märchen hallt." In allen Liedern Schmeckenbechers spürt man diese Sehnsucht nach einem gerechten Miteinander, nach gemeinsamen Werten, eng an die Romantik angelehnt.  Romantik als Geisteskraft, die den Zeitgenossen mit Spott auf den Pelz rücke samt deren pseudoromantischem Kitsch, erklärte einst Schmeckenbecher mit Blick auf den deutschen Schlager. "Mein Michl", "Die Hoffnung", "Der stille Traum" - der Barde orientiert sich immer wieder, mal behutsam, mal innig - an den großen Dichtern. Neben Eichendorff unter anderem auch an Novalis, Schiller und Heinrich Heine.

Die Zeit des Umbruchs im 19. Jahrhundert und deren Parallelen finden sich in den Liedern. So auch  Anton Wilhelm von Zuccalmaglios "Kein schöner Land". Allerdings nicht als salbungsvolle wie inhaltsleere Hymne, sondern als "Ein schöner Land", als dem eigentlichen Sehnsuchtslied jener Flüchtlinge, die nach dem Vormärz und der 1848er Revolution aus den deutschen Ländern gen Amerika fliehen mussten.

Die Kraft der Phantasie macht sich Erich Schmeckenbecher zu Nutze, oder wie er es mit dem Zitat des englischen Dichters Carl Sandburg umschreibt: "Unter dem Pflaster liegt der Strand." Der Lorcher Liedermacher bleibt damit den ganzen Abend lang seiner nachdenklichen Linie treu, kein Wolf Biermann, sondern eher ein Hannes Wader, wenn  jedes Lied den Traum und die Sehnsucht nach Freiheit besingt.

 

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Aalener Kulturjournal