Wortgewaltig: Eva Mattes und Irmgard Schleier

"Wir können nicht alle wie Berta sein!"

(AK) Bereits im vergangenen Jahr lockte Eva Mattes die Aalener in die Stadthalle. Zur diesjährigen "Wortgewaltig"-Reihe saß die Schauspielerin in Begleitung der Pianistin Irmgard Schleier erneut auf der Bühne. Zwei, die einen langen beruflichen Erfolg aufweisen können, der ihnen aber auf unterschiedliche Art und Weise in den Schoss fiel. Während Musikprofi Irmgard Schleier sich gegen die Männerriege in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts regelrecht durchboxen musste, um am Dirigentenpult ein Orchester leiten zu dürfen, hatte die kleine "Evi", die Autodidaktin, von Anfang an deutlich mehr Glück. Die etwas älteren Jahrgänge werden sich noch gut an die Fernsehserie "Lassie" erinnern, bei der sie Timmy die deutsche Stimme leiht oder noch mehr an Pipi Langstrumpf.  Gegenwärtig aber ist Eva Mattes ganz sicher allen als Clara Blum, die Tatort-Kommissarin vom Bodensee.

Mit dem Pipi Langstrumpf-Lied beginnt auch der Abend in der Stadthalle. Aus dem Off erklingt fröhlich  "2 x 3 macht 4 / Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!" Da möchte man glatt mitsingen. Eva Mattes jedenfalls übernimmt den Gesang bis zum "trallari trallahey tralla hoppsasa / Hey - Pippi Langstrumpf". Sie macht sich eben die Welt, wie sie ihr gefällt. Im bodenlangen schwarzen Samtkleid, roter breiter Schal, barfüßig, tanzt sie zur Melodie, setzt sich an das bereitstehende Tischchen, nimmt ihr Buch und liest. Von der kleinen Evi, die dank glücklicher Fügung an ihre erste Filmrolle kam, erzählt von den bekannten und unbekannten Schauspielern, denen sie während ihrer langen Karriere begegnet  ist, von launigen Regisseuren und begeisterten Fans.

Ihren Geschichten lauscht man gerne

Zwei kurzweilige Stunden lang erzählt, liest und singt Eva Mattes, nimmt die rund 600 Zuhörer mit auf einen spannenden Streifzug durch teils aufregende, weil im Umbruch begriffene, 40 Jahre deutsche Theater- und Filmgeschichte. Man hört ihr von der ersten Minute an gerne zu und versteht, warum die F.A.Z. Mattes zur „stillen Königin unter den deutschen Vorleserinnen“ erwählte und warum sie vergangene Woche zur Sonderpreis-Gewinnerin des Deutschen Hörfunkpreises erkoren wurde. Sicher nicht nur der samtenen, leicht dunklen Stimme wegen, die ihr allerdings beim Singen in höheren Lagen etwas hinderlich ist, sondern, weil die Schauspielerin weiß, wie sie ihre Zuhörer packen kann, wie sie einen Spannungsbogen aufbaut und aufrecht erhält. Da hört

man einfach gerne zu und da verfliegt unbemerkt die Zeit. Auch ohne bei den einzelnen Lebensstationen auf allzu viele Details einzugehen oder die Begegnungen mit Rainer Werner Fassbinder, Werner Herzog, Peter Zadek, Ulrich Wildgruber und anderen Größen aus Film und Theater all zu bunt auszuschmücken. Doch die ausgewählten Kleinigkeiten sind es eben, die ihre Geschichten so spannend machen, die zahlreichen unbekannten und bekannten Begebenheiten aus dem Showbiz. Mit zwölf Jahren  steht sie bereits auf der Bühne beziehungsweise vor der Kamera, dreht rund 200 Kino- und Fernsehfilme, spielt beim Theater mal große, mal kleine Rollen - immer mit Hochleistung und Engagement. Unzählige Preise und Ehrungen erhält Eva Mattes dafür. So 1972, als sie  in der Hauptrolle der Beppi in der Uraufführung von Kroetz´ "Stallerhof" am Hamburger Schauspielhaus Furore macht oder 1976 als Desdemona in Zadeks "Othello", einer der nachhaltigsten künstlerischen Erschütterungen beim deutschsprachigen Theater.

"Mein Gott, das ist ganz schön offen, was ich da schreibe."

All ihre Geschichten liest Eva Mattes aus ihrem Erinnerungsbuch  "Wir können nicht alle wie Berta sein", in dem sie über ihr wechselvolles Leben schreibt, geradlinig, ein klein wenig poetisch, immer auch ein klein wenig launig - so wie sie vor dem Publikum auch erzählt.  Manchmal mit im Wortsinne entblößendem Inhalt, sodass sie gesteht: "Mein Gott, das ist ganz schön offen, was ich da schreibe." Fast fünf Jahre hat sie sich für das Buch Zeit genommen, hat neben Theaterengagements immer wieder Kindheits- und Jugenderinnerungen in den PC getippt, gelegentlich mit dem Erlebten noch nachträglich gehadert. Besonders mit der Jetzt-Zeit. Was auffällt und was Eva Mattes unumwunden gesteht, ist ihre seit Jahrzehnten andauernde Leidenschaft für die 

Schauspielerei, angefangen bei Klein-Evis Sehnsucht, in andere Rollen zu schlüpfen, über die ersten Nebenrollen beim Münchner Theater bis hin zu ihren künstlerischen Durchbruch mit gerademal 15 Jahren  in Michael Verhoevens skandalträchtigem Anti-Kriegsfilm "O.K.". Was danach kam, gilt meist noch heute - im Film wie im Theater - als legendär: "Wildwechsel", "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" und "Deutschland, bleiche Mutter" und und und. ..

Zwischen all diese Geschichten streut sie Lieder und Chansons ein, kommt damit ihrer eher unbekannteren Leidenschaft entgegen, den Liederabenden, die sie zusammen mit der Pianistin und langjährigen Freundin Irmgard Schleier regelmäßig veranstaltet. In der Stadthalle sind es unterhaltsame wie nachdenkliche Zwischentöne in Liedform, Chansons unter anderem von Marlene Dietrich, Hans Albers, Friedrich Hollaender sowie Kurt Weill und italienische Lieder.

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Aalener Kulturjournal