"wortgewaltig" zum Dritten

Hagen Rether war hier!

Das mit der "Liebe" - Hagen Rether überschreibt damit sein aktuelles Programm "Liebe 7" - sollte niemand allzu wörtlich nehmen, denn was der Kabarettist seinem Publikum serviert, ist, gelinde gesagt, starker Tobak. Keine Spur von Liebe, es sei denn, man dreht an der Stellschraube "Interpretation". Für das Aalener Publikum kein Problem in Scharen zur Stadthalle zu eilen, hat es doch in der Ahnengalerie einen Vorfahren im Geiste: Christian Friedrich Daniel Schubart. Der gerade 280 Jahre jung gewordene Journalist, Dichter und Rebell besaß allerdings nicht diesen feinen, larmoyant unterlegten Ton, mit dem Hagen Rether seine Weltsicht verkündet, um entspannt zum leicht distinguierten Rundumschlag auszuholen. Der alte Schubart ging deutlich direkter ans Werk. Nach dem Besuch der Aalener Bierhalle sicherlich auch gröber. Er konnte allerdings - wie seine Gedichte belegen - bei Bedarf auch delikat und hintersinnig sein.

Und Hagen Rether? Der kehrt wie üblich den nonchalanten Intellektuellen heraus. Im Anzug, die langen Haare zum strengen Pferdeschwanz gebunden, ein bisschen subversiv, ein bisschen infam und doch anders als die anderen. Auch anders als er selbst, zumindest mit Blick auf jene Zeit, als er noch nach jeder Pointe mit dem Taschentuch seinen Flügel polierte und "Was geht mich das an" seufzte. Jetzt entspannt er sich neben dem schwarzen Instrument - ohne zu spielen - im  bequemen Sessel, pflegt unbekümmert den Habitus des Salonsozialisten. Aber engagiert versteht sich!

Zugegeben, Rether stellt durchaus schmerzhafte, vielleicht auch etwas komische, meist jedoch die richtigen Fragen. Wobei den Antworten meist etwas Tragisches anhaftet.

"Wir können die Welt nicht retten", zitiert er die Resignierten oder Gleichgültigen.  "Ja, wer denn sonst?", schiebt er nach. "Ich sehe gerade niemand anders."

Das ist die scheinbare Krux in seinem Programm. Da will man sich in der üblichen Politikbeschimpfung baden und was macht der Mensch auf der Bühne? Er stellt jeden einzelnen Zuhörer in die Verantwortung. Für die  Zerstörung der Umwelt, für die grassierende soziale Ungerechtigkeit. Daraus strickt er die  Intension des gesamten Programms. Gute drei Stunden nimmt sich der Kabarettist Zeit, um die Welt innerhalb und außerhalb der Stadthalle kritisch zu beleuchten, Statements seiner Mitmenschen zu bezweifeln und immer wieder Perspektivwechsel einzufordern.

"Wir haben Jahrzehnte lang Insektenvernichtungsmittel auf die Felder geschüttet, und jetzt wundern wir uns darüber, dass die Insekten vernichtet sind."    Rether schüttelt den Kopf, wundert sich über die, die sich da noch wundern können. Massentierquälerei, hemmungsloser Fleischkonsum,  die Biobanane, die einen langen Flug hinter sich hat, die er dennoch auf der Bühne genüsslich verzehrt. Er schweift ab, springt zu den Flüchtlingen.  „Merkel soll jetzt die Fluchtursachen bekämpfen“, zitiert  er ironisch. Um gleich fortzufahren: "Unsere Lebensführung ist die Fluchtursache."

In eine ungewisse Zukunft lässt Hagen Rether blicken. Nach- und Mitdenken ist angesagt, will er es doch niemandem einfach machen. Immer wieder kommt er auf sein Kernthema zurück: der Konsumismus als Grundproblem.  „Wenn wir wüssten, was wir bräuchten, müssten wir nicht so viel kaufen.“  Was?  Bildung bräuchten wir.  Der Beweis: Im Unterschied zu den Hooligans in den Fußballstadien,  fielen Chopin- und Rachmaninow-Liebhaber in den Konzertsälen nicht übereinander her. „Haben Sie eigentlich Winterreifen?“, steigt er immer wieder aus den Themen aus.

Rethers  klare, oft unerbittliche Sprache  verschlägt dem Publikum zuweilen regelrecht den Atem. Hagen Rether ist kein kabarettgerecht zugeschnittener Schnellsprecher, sondern der geborene Plauderer, der für sich ein Alleinstellungsmerkmal beanspruchen darf. Nicht zuletzt, weil er profund wie versiert mit rhetorischen Finessen umzugehen vermag. Der trockene, erbarmungslose Sarkasmus, die messerscharf geschliffene Sprache  verraten einen von der Welt enttäuschten Intellektuellen. Klingt er deshalb so zynisch? Oder spiegelt er lediglich eine unverschleierte Wirklichkeit? Hagen Rether genügt herkömmliches Kabarett schon lange nicht mehr, er will aufklären, die Welt verbessern, sorgt sich um das Projekt Aufklärung. Folgerichtig hält er den  Zuhörern den Spiegel vor: "Die da oben" seien eben nicht alleine an all der ganzen Misere schuld - jeder trage seinen Anteil. Unverblümte Sympathie zeigt Rether hingegen für alles, was sich linksliberal, multikuli, ökologisch und pazifistisch nennt. Obwohl er an sich höchst  argwöhnisch Gott und die Welt beäugt, fehlt ihm bei dieser schillernden Szene  der kritische Blick.

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Aalener Kulturjournal