Hannelore Weitbrecht stellt bei "wortgewaltig" aus

Wenn der Schubart zu Bansky wird

Der erste Gedanke beim Blick auf diese Schubartsche "Teutsche Chronik": Hier hat Bansky seine Hände mit im Spiel. Jener Bansky, dessen geschreddertes Bild "Love is in the Bin" derzeit in der Stuttgarter Staatsgalerie zu sehen ist. Aber da Aalens Rathaus nicht die Staatsgalerie ist und Hannelore Weitbrecht, die ausstellende Künstlerin, nicht der Streetartkünstler Binsky, wird die "Teutsche Chronik" glücklicherweise nicht zum "Bin". Der Gedanke ans Schreddern indes fasziniert nicht erst seit den Zeiten des Herzogs Karl Eugen all jene, denen der freie Geist schon immer ein Dorn im Auge war - wäre doch solch ein Verfahren eine hilfreiche Möglichkeit, sich nicht nur Schubarts kritischer Schriften elegant zu entledigen.

Den Dichter auf dem Hohenasperg wegzusperren, war hingegen wenig erfolgreich. denn erst einmal geäußerte Gedanken bleiben frei. Weder Banskys Bild ließ sich wegschnipseln noch Hannelore Weitbrechts Papierobjekt, selbst wenn die Künstlerin es gewollt hätte. Gerade weil das Buch wie eine Zieharmonika aufgezogen aussieht,  potenziert diese "Teutsche Chronik" die ihr zugedachte Kraft.

In- und auswendig kennt die Künstlerin diesen Christian Friedrich Daniel Schubart allerdings nicht. Nur das, was man nun mal so über ihn wissen sollte, gesteht sie freimütig. Aber sie habe sich mit dem Journalisten, Dichter und württembergischen Staatsfeind Nummer eins im Vorfeld der Ausstellung schon ein wenig beschäftigt. Seine Gedichte wolle sie demnächst intensiver lesen, verspricht Hannelore Weitbrecht. Ihr bis dato erworbenes Wissen setzt sie indes in bemerkenswerte Objekte um, eigens für die Kunstschau im Aalener Rathaus geschaffen. Arbeiten, die sich mit dem Themen Buch und Schreiben befassen und über die Schubart zum artifiziellen Kunstobjekt wird. Dr. Jürgen Glocker, Autor, Kulturvermittler und an diesem Abend Vernissageredner urteilt: "Hannelore Weitbrechts Arbeiten sind eine Augenweide."

Die Ausstellung läuft im Rahmen der gegenwärtigen "wortgewaltig"-Reihe und folgt als Nummer zwei der Eröffnungsveranstaltung mit dem Liedermacher Erich Schmeckenbecher einen Tag zuvor. Wie er geht Hannelore Weitbrecht eher still, verhalten und nachdenklich an das Thema Schubart heran. Nichts poltert lautstark, kein Pamphlet will aufwiegeln. Der Rebell Schubart bleibt im Verborgenen. Auch Hannelore Weitbrecht bevorzugt das Zurückhaltende. Keine Farben, keine spektakuläre Formen. Dezente Weißtöne sind angesagt, ab und an mit naturfarbenen Tupfern kontrastiert. Nicht gemalt, sondern aus Papier `geschichtet´. Irgendwann habe sie Lust auf plastische Bilder bekommen, verrät die aus Waldshut stammende Künstlerin.

Statt Malerei waren fortan Objekte und Rauminstallationen ihr Metier. Kunst mit Tiefenwirkung. Auch wenn zugegebenermaßen manch ein Gebilde nicht immer einfach als das zu erkennen ist, was es darstellen soll, da auf dem Weg zwischen abstrakt und realistisch das eine oder andere Objekt  ein verfremdetes Aussehen erhält. Kunst, die Rätsel aufgibt. Seltsame Gebilde, die in ihrer - oftmals rhythmischen -  Anordnung beziehungsweise durch ihre äußere Form zu mannigfacher Assoziation verleiten. "Ich gehe immer von der Naturform aus", erklärt Hannelore Weitbrecht. Die Urform werde bis auf ihre Wesenselemente entkernt und systematisch abstrahiert, um so das Wirkprinzip der  Natur zu offenbaren.

Ihr Medium: Papier. Teils leimgetränkt, mit Eisendraht und Holz stabilisiert, bei einigen Arbeiten bleibt es Natur pur. Das besticht durch Fragilität, Transparenz und Leichtigkeit. Und sorgt für Erkenntnisgewinn mit viel ästhetischer Spannung. Auch wenn er die Begutachtung Zeit erfordert. Ad hoc führt solcherart Kunst im Zweifelsfalle in die falsche Richtung. Mutmaßen ist freilich erlaubt. Danach gilt es genauer hinzuschauen, da sich hinter scheinbar Offensichtlichem mehr verbirgt. Zumal Weitbrecht dem Ursprungsobjekt zwar seine äußere Form raubt, aber nicht dessen Identität als solches. Folglich bewahren einige Objekte und Installationen trotz aller

Verfremdung ihre unmittelbare Korrespondenz zur floralen Herkunft. "Nur so kann ich Veränderungen in der und Einflüsse auf die Natur verdeutlichen." 

Dabei geht es ausdrücklich nicht um botanisches Wissen, sondern um ihre Intention,  das Abbild einer der Natur innenwohnenden Ordnung zu finden, den Kern von der Schale zu befreien, um ihn gleichnishaft in Kunst zu übertragen. Die Künstlerin arrangiert ihre Objekte so geschickt, dass der Betrachter die Bildaussage intuitiv erfassen kann. Dadurch hebt sie das Metaphorische hervor, zu erkennen besonders deutlich in den Arbeiten zu "wortgewaltig": in "Die Gedanken sind frei", "Schubart Gedichte" und "Schubart Faksimile".

 

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Aalener Kulturjournal