"Wortgewaltig": Wieland Backes im Gespräch mit Markus Grill

"Rufen wir ´mal den Grill an!"

Die diesjährige Reihe "wortgewaltig" geht in die zweite Runde. "wortgewaltig" soll zugleich an Christian Friedrich Daniel Schubart erinnern, was liegt also näher, als einen Journalisten zum Small Talk zu bitten. Und wer wäre für solch ein Format besser prädestiniert als der Gründer und einstige Moderator des SWR-Nachtcafés Wieland Backes, der schließlich noch immer zu den prominentesten Journalisten Baden-Württembergs gehört. Allerdings aus der Abteilung Unterhaltung, wie später sein Gast Markus Grill bemerken wird. Nicht wertend, doch der wesentliche Unterschied ist Grills Aufgabengebiet, der Investigativjournalismus. Das Bindeglied zu Schubart, würden doch heute dessen Enthüllungen in Grills Ressort fallen. Erinnert sei an den von Schubart in seiner "Teutschen Chronik" publik gemachten Verkauf von Landeskindern als Söldner durch den damals herrschenden Herzog Carl Eugen. Schubart, der Journalist und Whistleblower, füllte seine Zeitschrift zum Ärger der Obrigkeit mit sozialkritischen Beiträgen, bei Bedarf eben auch mit Staatsgeheimnissen. Dass allerdings nicht nur der Absolutismus des 18. Jahrhunderts mit Kritikern seine Probleme hatte, sondern auch der demokratische Rechtsstaat sowie manch ein Unternehmen damit hadert, weiß keiner besser als Markus Grill.  

Ganz Wieland-Backes-like plätschert der Small Talk zunächst als solcher dahin, wobei manch alte Ressentiments aufgegriffen werden, beispielsweise die Eingemeindung Wasseralfingens in die Aalener Flächenstadt. Markus Grill, ein Wasseralfinger, erinnert sich noch gut an den Unmut der Bürger und an die weitreichenden kommunalpolitischen Auswirkungen dieser "Zwangsmaßnahme".

Zweimal im Jahr komme er zu Besuch an den Kocher. Längst gehört der in Berlin lebende 51jährige zu den bekanntesten Gesichtern des deutschen Investigativjournalismus: "Stern", "Spiegel", "Netzwerk Recherche" und "Recherchezentrum "Correktiv" sind einige seiner wichtigsten Stationen.  2017 wechselt er zum NDR/WDR und leitet hier das Berliner Büro der Investigativressorts beider Sender. Bereits auf dem Gymnasium war er journalistisch für die  Schülerzeitung unterwegs, sorgte damals schon für einen handfesten Streit. Er habe über die Stränge geschlagen, gibt er heute reumütig zu. Der Grund war eine Karikatur namens "Erlöster Pfaffe", die zum Verkaufsverbot der Schülerzeitung führte.

Angriffe auf seine und wegen seiner Arbeit gebe es auch heute immer wieder, verrät Markus Grill. Decke er Skandale auf, dann reagiere die Gegenseite häufig mit Klagen, die sich auch schon einmal durch alle Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht ziehen könnten. "Aber Angst vorm Gefängnis habe ich noch nie haben müssen", antwortet er auf die entsprechend besorgte Nachfrage von Wieland Backes.

Der Name Markus Grill steht für einen Enthüllungsjournalismus, der in den zurückliegenden Jahren manch einem Pharmaunternehmen und Lebensmittelfilialisten auf den Magen geschlagen hat. Wie man zu den dafür notwendigen Informationen komme, will Backes wissen und ob man dies im Journalistikstudium lerne. Von Letzterem hält Grill nicht all zu viel. Wichtiger sei, ein bestimmtes Fach intensiv zu studieren und sich danach in den Journalismus einzuarbeiten. Bereits während seines Geschichts- und Germanistikstudiums in Freiburg arbeitete er für die Lokalzeitung, hing später ein Volontariat bei der Badischen Zeitung an.

Wie kommen man aber zum Investigativjournalismus, will Backes wissen. "Zieht man sich einen Trenchcoat wie Columbo über?" Da muss selbst Grill lachen. Erklärt aber, das geschehe nur nach und nach. Sobald eine Information auf dem Tisch liege, müsse man sich in die Materie einarbeiten, sie dann nochmals mit einem zeitlichen Abstand betrachten, Experten zu Rate ziehen und schließlich entscheiden, ob an dem Tipp etwas dran sei. Zu bedenken sei auch, wer der Informant sei. Es gebe Menschen, die Rache nehmen und andere, die einen finanziellen Gewinn daraus ziehen wollten. "Rufen wir mal den Grill an, der wird schon etwas daraus machen", fällt Wieland Backes dazu ein. Doch so einfach macht es sich Markus Grill mit Informationen nicht. Alles, was an Hinweisen hereinkommt, wird sorgfältig überprüft. Man müsse immer abwägen , meint Grill. " Falsche Informationen sind selten, doch meist fehlt es ihnen an der notwendigen Relevanz. Bezüglich seiner Arbeits- und Vorgehensweise gibt er

 

noch zu bedenken, dass man im Vorfeld nicht allzu viel verraten dürfe, beispielsweise, auch im Kollegenkreis, den Namen eines Whistleblowers nennen. Telefon, eMails und ähnliches sind, wegen der potentiellen Abhörgefahr, völlig tabu. Bei Bedarf müsse der Koffer gepackt werden, um sich Vorort mit Informanten zu treffen beziehungsweise um Fakten zu überprüfen.  

Zunächst etwas zögerlich reagiert er auf die Frage nach der Zukunft des Journalismus mit Blick auf die Printmedien, deren Abonnenten längst in Scharen abhandenkommen. Teure Online-Angebote seien keine Alternative, zumal es längst Zehn-Euro-Abos gebe. Markus Grill glaubt dennoch an die Zukunft einer guten lokalen Online-Berichterstattung, die er nach wie vor für eine Riesenchance für alle hält.

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Aalener Kulturjournal