Gerhard Polt und die Well-Brüder zu Gast bei "Wortgewaltig"

I red so voa mi hi und schaug, dass d´Gedanke Schritt hoit

(AK) Ab und an bedarf es eines Prologs. Bei Gerhard Polt und den Well-Brüdern muss er so lauten: Unter Bayerns weiß-blauem Himmel ist die Welt anders als anderswo. 

 Zumindest glaubten dies bisher alle westlich der bajuwarischen Grenze Wohnenden. Dank der "Wortgewaltig"-Reihe ist nun aber klar, ein allerorten existierender und die Gesellschaft durchdringender Kleingeist regiert die Welt! Ob in New York, London, Paris, Berlin, Stuttgart, Aalen oder eben auch in Bayern.

In der Aalener Stadthalle sitzt Gerhard Polt mürrisch dreinblickend auf der Bühne: "I red so voa mi hi und schaug hoid, dass da Gedanke Schritt hoit." Rechts von ihm die Well-Brüder mit Tuba, 

Trompete und Akkordeon. Sie singen von wilder Politik in bayerischen Landen, wechseln kenntnisreich zum lokalen Geschehen in Aalen, verdeutlichen so: "Ihr seid aa ned anders!" Zwei Stunden später eine überzeugende Aussage.

Bürgermeister, Landrat, Nachbarn und Kumpane kommen in satirisch-bissigen Parodien und

 Gstanzln vor, werden als real existierender und unentbehrlicher Teil einer spießig kleinbürgerlichen Welt beschworen, die sich in ihrer Erscheinungsform allerdings gewaltig von den hinlänglich bekannten Klischees unterscheidet, reden doch Polt und die Well-Brüder Hans, Michael und Christoph einem 

treuherzig bajuwarischen Anarchismus und damit, wie es scheint, der wahren bayrischen Seele das Wort. Ein Gemütszustand, der zumindest innerhalb blau-weißer Grenzen dem allseits beschworenen Niedergang des Abendlandes Widerstand leistet. Allerdings einer, der mit Vorsicht zu genießen ist, denn der Grantler Polt samt Gefährten pfeifen auf politische und sonstige Korrektheiten.

Was sie von sich geben, erscheint oftmals höchst grenzwertig, beinhaltet Entrüstungspotential par excellence. Zumal sich die Vier darauf verstehen, mit einfachen Worten die große Politik auf die Ebene lokaler Honoratioren herunterzubrechen, um gleichzeitig den Mief des Klein-Klein auf höchste politische Ebene zu hieven. Keine Schwerstarbeit, machen es ihnen doch die Protagonisten des wahren Lebens recht leicht.

"Wo fang ma o? Da heads auf!"

Polt und die Wells beginnen in Hausen, da kommen sie her, da kennen sie sich aus. Und hier berichtet die Lokalzeitung vom Feuerwehrfest als einem Mega-Event. Eine detaillierte Berichterstattung, in der es um den Bier-, Semmeln-, Schweinswürschtlverbrauch geht. Alles wird so aufgelistet, als sei davon das Schicksal der Welt abhängig. Auch dass die Jugend pro verkauftem Stamperl zehn Cent für die Drogenprävention (!) spendet, ist darin zu lesen. Nicht zu vergessen die Berühmtheiten, die in Hausen schon einmal Station machten. Wie Georg 

Friedrich Händel, dessen Kutsche auf der Fahrt von Wien nach London im viel zu engen Hausener Verkehrskreisel hängen geblieben ist. Was der fleißige Komponist umgehend nutzte, um für die Feuerwehr eine Feuerwerksmusik zu schreiben.

Doch nicht nur solch hintergründige Kulturhighlights hat Gerhard Polt auf Lager. Der 76jährige ist schließlich mittlerweile Opa und versteht als solcher nicht immer, was den Enkel Tschoffrei (Geoffrey) umtreibt. Nicht nur dem scheint Medienkompetenz ein Fremdwort zu sein, auch Opa Polt kann damit wenig anfangen.  "Hom mia friaha ned kabd, hom mia aa ned braucht". Das ganze Drumherum des modernen

Lebens passt ihm nicht, weshalb er auch die schulische Bildung des Enkels selbst in die Hand nimmt - mit Unterstützung der guten alten Lieder aus Kindheitstagen: "Eieiei Korea, der Russ' kummt oiwei näha." Die aktuellen Zusammenhänge sind nicht zu übersehen beziehungsweise zu überhören.  Wer keine Demokratie will, wird zu seinem Besten einfach bombardiert. Die Bombardierten wiederum kommen dann nach Europa. "Des nennt ma dann oan Bombnerfolg." Deshalb muss er auf die Finger des Enkels und auf die `Zündhölza´ schauen, damit die Kleinen nicht auf dumme Gedanken kommen, wo doch "in da oidn Voiksschui a Asylantenheim gebaut werd."

 

Da wird wortgewaltig auf die Pauke gehauen

Apropos! Für jeden guten Bayer ist Kirche Plicht und Hochwürden eine Respektsperson. Bei Opa Polt kommen beide in Gestalt eines indischen Pfarrers, von Kardinal Marx höchstpersönlich entsandt in die bayrische Provinz zur Rekatholisierung der abtrünnigen Schäfchen.

In der Stadthalle bleibt bei solcherart Vermessung bajuwarischer Welten kein Auge trocken, obwohl Polt und die Well-Brüder bitterböse das dünne Deckmäntelchen gesellschaftlicher Korrektheit scheibchenweise abstreifen und dabei so manch einem aus der Zuhörerschar auf die Füße 

treten. Erfahrungen weit entfernt von der Politik, in der gilt: "Keine Meinung weit und breit. Und die wird dann umgesetzt." Passend zum Interview, das der Grantler einer naiven Radiomoderatorin gibt und sich dabei als "Alkoholsportler" mit einem Kampftrinker-Buam an seiner Seite outet. Und er verteilt pädagogische Erziehungsratschläge. Sein Rat, wenn ein Kind nicht grüßt: "Friaha hosd eahm a g´langt, dann hod ea grüßt!" So einfach geht´s. Und so einfach (er)trägt sich die Last des bayrischen Himmelsgewölbs, zumal diese sicherlich wie alles andere Unheil "aus am Ausland

hereinkimmd".  Eines muss noch unbedingt erwähnt werden: Die Well-Brüder sind keine musikalischer Lückenfüller, stehen sie doch ihrem Kumpan Polt in nichts nach. Herzerfrischender Beleg, ein Gstanzl zum "Haus der Bayrischen Geschichte". Ob Josef Straußens Maßkrug oder die Erstschrift von Guttenbergs Doktorarbeit - alles "Geschichtsträchtige" ist dort im Original zu finden. Ganz nebenbei wird noch gejodelt und geschuhplattelt,  Stub’nmusik mit drei Alphörnern gemacht und überhaupt mächtig auf die Pauke gehauen. Was auch von Nöten ist, denn dieses Hausen liegt eben nicht irgendwo in der bayrischen Provinz, sondern überall auf der Welt, schließlich gehört Engstirnigkeit zu den allzu menschlichen Tugenden.

 
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Aalener Kulturjournal