Nur Literatur?

"Wortgewaltig" unterwegs mit Dr. Isabelle Lehn und Saša Stanišic

(AK) "Was macht  Kunst mit einem Autor und was macht der Autor mit der Kunst?"  Darüber unterhielten sich im Rahmen der Reihe "wortgewaltig 2018" der  Schubart-Literaturpreisträger  Saša Stanišic und die Förderpreisträgerin Dr. Isabelle Lehn. Moderiert 

wurde die Veranstaltung von der Ulmer SWR-Redaktionsleiterin Annette Schmidt in der Aalener Stadthalle. Während Saša Stanišic Bezug nahm zu dem Gegenwartskünstler Andreas Slominski, setzte sich Isabelle Lehn mit dem in einem Konzentrationslager ermordeten Künstler Otto Freundlich auseinander.  Beide im Zusammenhang mit  Auftragsarbeiten. 

Saša Stanišic ist ein lustiger Mensch. Es sprudelt einfach so aus ihm heraus, von Assoziation 

zu Assoziation. Er lacht gern, liest mit deutlichem Vergnügen aus seinem phantasievollen und humorigen Text. Ein Sprachakrobat! Der  Erzählband  „Fallensteller“ spielt wie der zuvor erschienene Roman „Vor dem Fest“ in dem  uckermärkischen Dorf Fürstenfelde, das zur Wallfahrtsstätte für Literaturzirkel wird. Der Autor betreibt dort Feldforschung, schaut frei nach Martin Luther dem Volk aufs Maul, schmuggelt sich selbst als "verweichlichter Jugo-Schriftsteller" in die Erzählung, in der sich jede Menge kurioser kauziger Figuren tummeln. Realität und Fiktion vermischen sich.

Ein Fallensteller als wahrhafter Rattenfänger

In diesem Dorf  erscheint eines Tages ein geheimnisvoller schwarzgekleideter Mann, einem Magier ähnelnd, eine Art Rattenfänger von Hameln, wie  Stanišic ihn charakterisiert. Und der nur in Versen spricht, launig von dem Autor vorgetragen. Fallen könne er herstellen, behauptet der Mann.  Für jeden Zweck, nicht nur für das Tier. Fast wäre der Typ, der aussieht wie ein „Asi“ - "Mit Bart, mit Ratte auf der Schulter, mit Käfig oder so was in der Hand" - von einem Auto überfahren worden. Der Fahrer weicht aus, versenkt das Auto im See (nicht das erste übrigens). Inspiriert  fühlt  Saša Stanišic sich von dem Hamburger  Künstler Andreas Slominski. der die 

Fallenstellerei als skurrile Kunst pflegt, seit Ende der 1980er Jahre durch seine Fallen-Objekte berühmt wurde. Er verändert, erfindet perfekt konstruierte Fallen. Von klein für die Maus bis groß für das Wildschwein. Natürlich nicht für die Praxis, denn Slominski sieht sich  als "großer Tierfreund". Seine Fallenstellerei hat eine anderen Zweck. Er spielt mit dem Betrachter, will diesen verwirren.  Hier findet sich auch die Seelenverwandtschaft mit Stanišic. Acht junge Autoren, darunter Saša Stanišic, wählten sich im Frankfurter MMK Museum für Moderne Kunst aus den über 4.500 Werken der Sammlung ihr Lieblingskunstwerk aus, um schreibend sich diesem anzunähern. Stanišic entschied sich für das Kunstobjekt die „Fallen“ von Andreas Slominski. Heraus kam eine schräge Geschichte.

 

Kunst im Visier der Nazis  

Isabelle Lehn ließ sich im Rahmen der  lit. Cologne von einen  Lieblingskunstwerk Otto Freundlichs inspirieren. Dem  vergessenen Künstler Otto Freundlich (1878–1943), einem der "originellsten Abstrakten des 20. Jahrhunderts",  widmete das Kölner Museum Ludwig 2017 mit 80 Exponaten eine große Retrospektive. Nicht  nur das Werk, sondern auch das  Leben und Denken des Künstlers standen im Mittelpunkt.

Als Künstler, Jude, Kommunist war er im Visier der NS-Diktatur, wurde verfolgt als "entarteter" Künstler. Freundlich, der seit 1924 in Frankreich lebte, wurde denunziert, 

verschleppt, ermordet.  Das Todesdatum ist nicht bekannt.  Sein vielfältiges Werk - Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Glasarbeiten, Mosaike - ist zum erheblichen Teil vernichtet.

Die Farbenpracht der berühmten Glasfenster im Dom von Chartres, welche  Freundlich als junger Künstler mit restaurierte, faszinierte ihn, wurde für ihn zum Schlüsselerlebnis.  „Ich war zirka fünf Monate der Welt Chartres verfallen und bin für mein Leben lang gezeichnet daraus hervorgegangen.“

Diese Chartres-Inspiration und seine politischen Vorstellungen sollten zur Vision des 

"Kosmischen Kommunismus" verschmelzen: Eine Welt ohne Hierarchien, in welcher alles miteinander verbunden ist. Ohne Grenzen „zwischen Welt und Kos­mos, zwischen Men­sch und Men­sch, zwischen Mein und Dein, zwischen allen Din­gen, die wir se­hen“.   Die strahlende Flächigkeit der Kirchenfenster empfand er als Inbild der Abstraktion.   Sein farbenprächtiges Mosaik „Die Geburt des Menschen“, eines der wichtigsten Werke der Kölner Retrospektive,  seit Mitte der 1950er Jahre in der Kölner Oper zu sehen, diente Isabelle Lehn, die dem Künstler wieder eine Stimme geben wollte, als Impuls.

Literatur und Kunst ergänzen sich

Sie las sich mehrere Monate lang intensiv in Freundlichs Schriften ein, vertiefte sich in sein Denken, wählte Wörter,  Sätze aus, komponierte die Bruchstücke mithilfe der Collagetechnik zu einem tiefgründigen Text, den sie   an diesem Abend vortrug. Klang, Dynamik, Rhythmus standen bei dieser Vorgehensweise im Mittelpunkt, um sich so Sprache und Gedanken des Künstlers anzuverwandeln, um  einen "Schwanengesang in Erinnerung an Otto Freundlich" zu schaffen, wie die Autorin wissen ließ.

Thematik wie Vorgehensweise müssten allerdings immer zu dem jeweiligen Autor passen; eine Tatsache, die sowohl Lehn  wie Stanišic herausstrichen. Letzterer wies wiederholt daraufhin, dass er dazu neige auszuschweifen. Ein Umstand, der dazu führt, dass seine Arbeiten vor der Endfassung deutlich gestrafft werden müssen. Weiter plauderten die beiden Schriftsteller noch kurzweilig aus ihrem literarischen Nähkästchen, über Erfahrungen beim Suchen und Finden von Plots,  bei Lesungen mit Schülern, mit Erwachsenen, über Reaktionen des Umfeldes auf ihre Arbeit.

Die Intention, neugierig zu machen auf Literatur und Kunst, auf den Beziehung zwischen Kunstwerk und  Text, ist tatsächlich an diesem Abend gelungen. 

INFO

 

Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Wortgewaltig-Reihe

 

03. April (17 Uhr) Stadtbibliothek Aalen: Literaturtreff. Thema: Schubart-Literaturpreisträger Helmut  G. Haasis (1999).

 

21. April (19 Uhr) Stadthalle Aalen: "Die Elixiere des Teufels", Hörspielkonzert nach E.T. A. HOffmann

 

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Aalener Kulturjournal