"Yxalag" serviert Klezmer Tales

An den Namen muss man sich erst einmal gewöhnen "Yxalag". Gut merken sollte man ihn sich auf alle Fälle, denn was das siebenköpfige Ensemble musikalisch "auf die Beine stellt", kann sich hören lassen. Das Aalener Kulturamt gelang mit der Gruppe ein überaus bemerkenswerter Glücksgriff, nicht nur weil sie sich musikalisch wie technisch als so überaus virtuos erweisen, sondern weil sie sich auf ihre eigene und doch so klassische Art bemerkenswert erfrischend dem Klezmer annehmen.

Dynamisch und kunstfertig erklingt diese traditionsreiche Musik osteuropäischer Juden. Mit dem notwendigen Fingerspitzengefühl legt "Yxalag" zudem das erforderliche Maß an

 

Sensibilität und Emotionalität in die Instrumentals und gesungenen Lieder. Klezmer überbrücke viele Klüfte zwischen Generationen und Kulturen und er tue all dies in höchst musikalischer Vollendung, soll einst Leonhard Bernstein geschwärmt haben. Vor zwei Jahren sorgte die Oberkochener "Jazz Lights" mit Giora Feidman, dem großen alten Mann des Klezmers, für ebensolche Begeisterung. Der gewichtigste Unterschied zum Yxalag-Konzert in der Aalener Stadthalle: Feidman ließ sich durch das  Württembergische Kammerorchester Heilbronn begleiten: Klarinette eingebettet in symphonischen Klang.

Geschichten aus dem Schtetl

"Yxalag", das sind drei Violinen (Juliane Färber, Nele Schaumburg, Kayako Bruckmann), ein Kontrabass (Uli Neumann-Cosel), eine Posaune (Luka Stankovic), eine Gitarre (Nicolas Kücken) und - unverzichtbar - eine Klarinette (Jakob Lakner). Es sind nicht nur die in Jiddisch-Daitsch gesungenen Geschichten aus dem Schtetl, die das Septett so ansprechend wieder aufleben lässt, es sind auch die Eigenkompositionen, mit denen die aus Norddeutschland angereisten Klezmorim der durch den Holocaust zerstörten Kultur nachspürten. 

Klarinettist und Komponist Jakob Lakner gründete vor einem Jahrzehnt an der Musikhochschule Lübeck die Gruppe, um einerseits die Schtetl-Folklore zu bewahren, aber auch um sie mit moderner Harmonik in den Jazz mit einzubringen. Dementsprechend verweigert sich die Yxalag-Musik den üblichen Genre-Grenzen, fügt scheinbar mühelos unterschiedlichste Elemente in ihre Arrangements beziehungsweise setzt gar eigene musikalische Ideen in Noten. 

Für die Zuhörer in der Stadthalle eine außergewöhnlich lebendige wie abwechslungsreiche Klezmer-Interpretation, da der vielschichtig und zugleich vielfarbige Instrumentensound den großen Spannungsbogen zwischen Traditionellem und Moderne erst ermöglicht. So darf beim althergebrachten "Goldene khasene" und "Heyser Bulgar", wie sie vermutlich ehedem im Schtetl bei Festen erklangen, einer überbordend beschwingten, quirligen Musik voller Lebensfreude gelauscht werden. 

Zwischen Klassik und Moderne

Und wenn Jakob Lakner in der Eigenkomposition "Tanz im Brauhaus"  seine Klarinette hüpfen, lachen und weinen lässt, immer begleitet von vehementem Bogenstrich der Violinistinnen, dann klingt zwischen musikalischen Maßkrügen, miniaturisierten Kuhglocken und anderen Hofbräuhaus-Eigenarten jener Klezmersound heraus, der sich in welcher Version auch immer auf seine Schtetl-Tradition beruft. Manchmal gar in kammermusikalischer Empfindsamkeit - siehe: "Yankels Melody" - wie sie einst schon Klezmerfan Dmitri Schostakowitsch in seine Kompositionen aufnahm. Erinnert sei an das Klavierquintett G-Moll (op.57) und insbesondere an das 1944 entstandene 2. Klaviertrio E Moll (op. 67), in denen sich menschliche Ekstase und Verzweiflung so nachdrücklich begegnen. 

Lakner und Kollegen belassen es freilich nicht bei osteuropäischen Klängen, sie machen sich unter anderem mit der Eigenkomposition "Türkis" auf in türkische und spanische Folklore, sorgen mit gewitztem Stilmix für inspirierende Harmonik. Doch wer Klezmer singt und spielt, entkommt der barbarischen Vergangenheit nicht. An das Schicksal der europäischen Juden erinnert "Yxalag" mit Sholom Secundas "Donna, Donna", eine Parabel über ein Kälbchen, das zum Schlachter geführt wird, während die Schwalbe frei in den Himmel fliegt. Wehmutsvoll emphatisch singt Jakob Lakner dieses 1940 entstandene tieftraurige Lied, das die Ermordung der Juden gleichnishaft thematisiert. 

"Donna, Donna", das Traditional "Piperkovo kolo", der "Tanz im Brauhaus" und "Yankels Melody" - damit wird die Klezmer-Musik ihrem Ruf gerecht, liegen doch bei all diesen Liedern Tanz und Tränen, Weinen und Lachen schicksalshaft beieinander. Und sie führen zurück zu  Giora Feidman, dessen lebensfrohes "Happy Nigun" für Klezmermusiker ein Muss ist. Wie auch in guter Feidman-Tradition die Zugabe: "Shalom Chaverim", das israelische Volkslied, das als "Friede sei mit euch" Einzug in das evangelische Gesangbuch gefunden hat.

INFO

Ein weiteres Klezmer-Konzert mit dem Trio "Klezmers Techter" findet am 16. November auf Schloss Kapfenburg statt (https://www.schloss-kapfenburg.de/seite/accelerando-konzert-kultur-programm)

 

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Aalener Kulturjournal