Zum Tode von Hannes Münz

Farbe erobert den Raum

"Marianne" winkt noch genauso freundlich von der Rathausfassade herab wie bei ihrer Inthronisation vor 18 Jahren. "Manolo" vom nur wenige Meter entfernten Neuen Tor ebenfalls. Die zwei Polyesterfiguren sind Überbleibsel einer Kunstaktion von Hannes Münz, der die beiden - und mit ihnen einige weitere in der Stadt - nicht nur positionierte, sondern zugleich den Sonnenschein in Aalens graue Mauern holen wollte. 2010 verwandelte er ganze Straßenbereiche und den Rathausbeton in eine kunterbunte Farbpalette, die letzte große Aktion des Aalener Malers, der vor drei Jahren

im Weinmusketier in einer kleinen Retrospektive nochmals an seinen Sehnsuchtsort erinnerte: ans südliche Frankreich. Am Karsamstag starb Hannes Münz mit 78 Jahren.

1940 in Aalen geboren, Abitur am Schubart Gymnasium, 1959-1967 Französisch-Studium an den Universitäten Grenoble und Tübingen sowie Kunststudium an den Akademien Aix-en-Provence und Stuttgart (Prof. Haegele, Malerei). Für längere Zeit lebte er in der Provence und in der Bretagne, unterrichtete danach (1969) am Ganerben-Gymnasium in Künzelsau. 1990 zog er

sich auf die Schwäbische Alb und in die Bretagne zurück, um als freischaffender Maler sich ganz der Kunst widmen zu können.

 „Farbe erobert den Raum“, überschrieb Hannes Münz vor 18 Jahren, zu seinem 70. Geburtstag, eine Ausstellung in der Rathausgalerie, die auch ein Beleg für den Aufbruch der Stadt in die Moderne  sein sollte. Begleitet wurde die Aktion vom ehemaligen Kunstkurator der Stadt Joachim Wagenblast, der sowohl die farbfreudige Malerei auf der Straße organisierte wie auch die heute noch existierende Glasmalerei über der Bushaltestelle am Gmünder Tor-Platz.

Das Farbprojekt wurde rasch zu einer großen Hommage für Hannes Münz, dem Maler der Farben, dem Protagonisten der Lebenslust. Farbe vor dem Rathaus, Farbe im Rathaus, Farbe auf den Straßen - die Kunstaktion verstand sich als Statement gegen die grauen Mauern in der Stadt und gegen die in den Köpfen.  Damit griff der Künstler auf Aalener Zeitgeschichte zurück, forderten doch vor vielen Jahrzehnten studentische Demonstranten: „Mehr Farbe!“ Buntheit und Vielfalt waren gemeint und damit der Aufbruch in den 70er und insbesondere in den 80er Jahren. Damals ein befreiender Akt für Politik, Gesellschaft und für die Kunst. Darauf wollen (und wollen noch immer) die Münzschen Bildtafeln erinnern. Münz sei der Anwalt der Farbe, meinte der damalige Kulturbürgermeister Wolf-Dietrich Fehrenbacher treffend.

Kunst soll Unsichtbares sichtbar machen

Aber Hannes Münz war zugleich auch immer der große Weltenbummler zwischen Alb und Bretagne, der mal aus der Nähe, mal aus der Distanz das Geschehen um sich herum mit seiner Malkunst begleitete. nicht mit marktschreierischen Bildern, sondern mit Kunst in Zimmerlautstärke, die sich jedem Versuch der Vereinnahmung widersetzte. Genau solche Bilder waren denn auch folgerichtig bei seiner letzten Aalener Ausstellung im "Weinmusketier" zu sehen. Kleine bunte Bilder - Aquarelle, Mischtechnik und Öl - mit leichter Hand luftig auf Papier und Leinwand gebracht. Bilder der Stille, Bilder des Lebens - bunte Bilder. Malerische Imaginationen aus der Provence, aus dem Süden, auf die sich jeder einlassen muss, will er jenem sagenumwobenen Licht - das ganzen Künstlergenerationen zur "erleuchtenden" Farbe wurde - nachspüren. Für den bereits vor drei Jahren von seiner Erkrankung gezeichneten Hannes Münz vielleicht auch die letzten Sehnsuchtsbilder, in denen er nochmals  einem Malstil frönte, den so manch ein Modernist längst abgeschrieben hatte.

Doch Hannes Münz hielt immer wacker gegen den Zeitgeist und lieferte den Beweis für die Lebendigkeit seiner Kunst. "Sein gesamtes Schaffen weist ihn als einen Maler aus, der den Spagat zwischen dem romantischen Ideal vom tiefsinnigen Künstler als eines weltverwandelnden Schöpfers und einer aufklärerischen Vernunftposition schafft", betonte einmal Schwäpo-Kulturredakteur Wolfgang Nussbaumer. Einerseits transformiere Münz Farbe in die Essenz einer Landschaft, einer Figur, einer urbanen Situation, nehme dabei wahr und schaffe so die Illusion als Metawirklichkeit im Sinne Paul Klees (Die Kunst solle nicht das Sichtbare wiedergeben, sondern sichtbar machen). Andererseits verwandle er den Eindruck in Farbe, an der ihn vor allem deren materialer Charakter interessiere.

Der Beleg, dass des Malers Landschaftserlebnis in doppeltem Sinne auf Autonomiegewinn aus ist: In der Gestaltung eines individuellen Raumes und in der betonten Unabhängigkeit der Farbe. Daraus ergibt sich eine ungewöhnliche Konstellation, die zugleich für den entscheidenden Reiz der Bilder sorgt. "Als Ort kollektiver Selbstfindung sind seine Landschaften, Stadtprofile und Straßenszenen gleichwohl nicht geeignet. Er formuliert keine Chiffren, keine Metaphern."

Hannes Münz zeigte gerade in den kleinen Formaten, was Farbe bedeutet, was sich mit Farbe machen lässt. Seine Aquarelle beschwören leichthändig inszenierte Augenblicke, bei denen man gerne verweilt, da sie trotz ihres impressionistischen Charakters über den Moment hinauszuweisen vermögen. "Auf ihnen blüht das Flair der Provence auf; man riecht den Duft des Lavendels und all der Kräuter, vernimmt das Lied der Zikaden und schmeckt die superben Aromen der dort gekelterten roten und weißen Tropfen", schwärmte Nussbaumer. Für Hannes Münz über Jahrzehnte die zweite Heimat. Entlang des Grats der Dentelles de Montmirail im Département Vaucluse logierte der Maler, wobei der Vergleich zum Gebirge Saint-Victoire bei Aix-en-Provence und damit zu Paul Cézanne naheliegt. Beide habe der Geist der jeweiligen Landschaft inspiriert. So finde sich der malerische Duktus des reifen Wegbereiters der Klassischen Moderne in den Bildern seines "mit allen malerischen Wassern gewaschenen künstlerischen Nachfahrens" wieder.

Der ebenfalls aus Aalen stammende Kulturwissenschaftler Prof. Hermann Bausinger lobte vor einige Jahren Hannes Münz Fähigkeit, die Welt um sich herum sensibel aufzunehmen, Landschaftsräume als Innenräume, Ausblicke als Lichtblicke und Körperlandschaften als Seelenlandschaften zu empfinden. Daraus forme der Künstler expressive Impressionen, schwelge in Farben. „Wahre Farbströme bezeichnen Felder, Wiesen, Wege, lösen sich dann doch davon, fließen in langen Zungen aus der Bildmitte heraus, direkt auf den Betrachter zu“. Prof. Bausinger betonte explizit, wie die explodierenden Farben eigensinnig und eigen-sinnlich auf den Betrachter wirken. Besonders zum Ausdruck kommt dies in Münz´ Bretagne-Bildern, die von der innigen Zuneigung des Künstlers zu dieser wilden Landschaft zeugen. Hannes Münz liebte es, Kultur und Natur in Beziehung zu bringen.

Mehr über Hannes Münz

Von diesen Fähigkeit des Malers Hannes Münz kann man sich noch immer anhand des Bildbandes „Hannes Münz:  Malerei 1993 – 2000“ erfreuen.

1100 Gramm schwer und 28,5 x 28,5 cm groß ist das Druckwerk. 71 farbige und 33 schwarz-weiße  Abbildungen, hinzu kommt ein Schnappschuss vom Künstler bei der Arbeit. Beim Durchblättern fällt die farbigen Sinnlichkeit der Bilder auf. Daneben kurze Texte, wobei keine Zeile, kein Wort allein in seiner Muttersprache bleibt. Mal nebeneinander, mal nacheinander finden sich  in deutscher und französischer Sprache Beiträge zu Biografie, Lebenswelt und natürlich zur Kunst.

Die Autoren Wolfgang Nußbaumer, Philippe Bonnet, Roland May, Carmen Bosch-Schairer, Hermann Schludi, Eugen Hafner und Sieger Köder plaudern über das unstete Leben von Münz zwischen der Alb und der Bretagne, betrachten sein künstlerisches Wandeln zwischen metaphysischer  und pragmatischer Farbigkeit.

Sieger Köder erinnert sich, wie er nach vierzig Jahren zusammen mit ehemaligen Schülern, auf einer Wiese sitzend, die Ansicht Toledos zu Papier bringt. Einer von ihnen ist Hannes Münz, er skizziert jedoch keine Häuserzeilen, sucht nicht das Ebenbild der Stadt. Münz arbeitet intuitiv mit seinen Empfindungen, verwendet Ocker und Rotbraun, malt mit gedämpften Erdfarben. Er greift nicht die Architektur, sondern die imaginäre Ausstrahlung der Stadt auf und beweist damit das berechtigte Unterscheiden zwischen Kunst und Können, aber auch das meisterhafte Zusammenfügen beider. Form und Farbe verselbstständigen sich spürbar in seinen Bildern, vermitteln Leben. Diese Lebendigkeit ist es, die fasziniert und den Arbeiten ihre Schönheit und Spannung schenkt, erkennbar selbst noch in den Reproduktionen des Bildbandes.

Kühle Stille im „Morgenlicht“, die grün-gelbe Lustbarkeit in „Amour jaune“, die greifbare Lebensfreude bei „Carmina Burana“ und immer wieder der Rückzug in Landschaftssymphonien, in die Alb, in die Bretagne. Das Buch zeigt einen vielgestaltigen Münz, der es versteht, beim Betrachter mit Farbe Assoziationen zu wecken, den Gedankenfluss zu bereichern.

Im Zusammenspiel mit den leicht verständlichen Texten gestattet der Bildband einen Blick auf  fast zehn Jahre künstlerischen Schaffens. Empfehlenswert und informativ für alle Kulturbeflissenen, empfehlenswert für alle, die gerne vergnüglich blättern und sich an schönen Bildern erfreuen können und für alle, die sich gerne an Hannes Münz und seine Kunst erinnern.

 

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Aalener Kulturjournal